Ich publiziere hier Dokumente aus dem Zeitraum von über dreißig Jahren. Sie sprechen für sich und ich versehe sie nur mit Kommentaren, die dem Verständnis der Dokumente dienen.
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Nach dem Noviziat und zwei Jahren philosophisch-theologischen Studiums in der Polnischen Provinz der Gesellschaft des Göttlichen Wortes (SVD) kam ich Ende August des Jahres 1988 auf Einladung und nach der Auswahl durch die Vorgesetzten nach Österreich, um dort an der ordenseigenen Hochschule St. Gabriel in Mödling bei Wien das Studium im Hinblick auf das Priestertum fort zu setzen. Eigentlich habe ich das Studium in Österreich als Übergangsphase betrachtet, denn ich wollte in die Mission. Jedoch ist es anders geworden und die Zeit wurde zu einer Wende, die auch heute mein Leben entscheidend prägt. Es war noch vor der politischen Wende. Auch kirchlich war die Situation auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs viel unterschiedlicher als heute, ja sogar in vielerlei Hinsicht gegensätzlich. Dies war selbst innerhalb desselben Ordens deutlich. Vieles hat mir in St. Gabriel und in Österreich, wie ich es damals kennen lernen konnte, gefallen. Ich kam ja aus einem kommunistischen Land. Noch viel stärker war der Gegensatz in kirchlicher Hinsicht: Geprägt durch den polnischen Katholizismus des Papstes Wojtyła fand ich es schockierend, wie dieser selbst von den Oberen gehässig verspottet wurde, und zwar nicht wegen menschlicher Schwächen und Fehler, sondern wegen wichtiger Punkte der katholischen Lehre bezüglich des Glaubens und der Sitten. Diese antikatholische Einstellung der meisten und gerade der tonangebenden Mitbrüder in St. Gabriel hatte auch eine Gestalt in der Liturgie. Aus Polen kannte ich die "Jugendliturgie" der Blachnicki-Bewegung. Im Priesterseminar der SVD in Polen ging es für die dortigen Verhältnisse liturgisch auch nicht gerade konservativ zu. Was ich aber in St. Gabriel erlebte und eigentlich gezwungen wurde mitzumachen, überstieg alle Normalität und die elementarsten Grundsätze der katholischen Liturgie.
Ein Beispiel: Zwei Mal in der Woche gab es die sog. Kommunitätsmesse - im Kreis der Fratres in Ausbildung, d. h. der Studenten. Wir waren ca. ein Dutzend in allen Jahrgängen, außer Novizen und Diakonen. Dies fand in einem Saal statt, nicht in der Kirche, nicht einmal in einer Kapelle. Man saß im Kreis, der Priester auch, normalerweise nur mit einer Stola über der Zivilkleidung. Immer wieder saß man die ganze Zeit, auch bei der Konsekration, einschließlich des Zelebranten. Hinknien war praktisch verboten, wie es sich herausstellte. Manchmal ließ der Zelebrant Teile des Hochgebets die umsitzenden Fratres vorlesen. Die Kommunion, d. h. die Schale mit den konsekrierten (?) Hostien und der Kelch wurden im Kreis herumgereicht, wodurch die Mundkommunion praktisch ausgeschlossen war.
Da ich nach nur einem Monat des Sprachkurses ab Oktober mit dem Studium beginnen konnte, stellte ich in den Vorlesungen fest, dass solche Praktiken samt regelmäßigen Schimpftiraden gegen Wojtyła, Ratzinger, Groër (den damaligen Erzbischof von Wien) keine Missgeschicke waren, sondern in den (pseudo)theologischen und eigentlich häretischen Ansichten gründeten. Natürlich konnte ich dem nicht folgen. Obwohl ich mit niemandem darüber sprach und schwieg, konnte und wollte ich nicht verbergen, dass ich diesen Inhalten und Praktiken nicht zustimmen kann. Dies führte zu Provokationen, denen ich ebenfalls nicht folgte. In der Liturgie bestand ich darauf, das zu praktizieren, wofür ich eine Grundlage in den liturgischen Büchern des Novus Ordo fand (bei dieser Gelegenheit musste ich schmerzlich feststellen, wie schwammig und verräterisch diese Bestimmungen sind). Selbst das Festhalten an den minimalen Bestimmungen des Novus Ordo wurde mir sehr übel genommen, obgleich ich andererseits eigentlich von allen Mitbrüdern zunächst Sympathie zu spüren bekam, auch von solchen, die sich dann der Gesinnung nach als Feinde herausstellten.
Nach dieser notwendigen Einführung lasse ich die Dokumente sprechen, die ich vorsorglich aufbewahre.
Es ist in der SVD (ähnlich wie in allen Orden und Kongregationen) üblich, gegen Ende des Studienjahres im Hinblick auf das Verfahren der Zulassung zu den Gelübden die sog. Votierung abzuhalten. Das Wesentliche besteht darin, über alle Mitbrüder in der Ausbildung, die zu den Gelübden zugelassen werden wollen, eine Bewertung abzugeben. Dies tun sowohl die Fratres übereinander als auch die Mitbrüder in den ewigen Gelübden über die Fratres. Man hat drei Noten zu vergeben:
pp, was bedeutet "sehr positiv"
p, was bedeutet "positiv"
i, was bedeutet "fraglich" und ist de facto negativ, wobei jede Bewertung der Einschätzung der Vorgesetzten überlassen wird.
In Polen haben die Vorgesetzten die bloßen Noten eingesammelt und dann Jedem summarisch vorgestellt. In St. Gabriel war es zudem üblich, dass sowohl der Präfekt (d. h. unmittelbare Vorgesetzte) als auch die Fratres einander eine schriftliche Mitteilung übergaben, oft im Zusammenhang mit einem Gespräch. Es war jedoch nicht verpflichtend und so habe ich von einem der Mitbrüder keine schriftliche Mitteilung bzw. Begründung der Bewertung erhalten.
Ich fange mit der Bewertung des Präfekten an, mit dem ich von Anfang an Probleme hatte, die ich dann noch darlegen werde. Trotz der Probleme gab er mir ein "p". Am Ende seiner Mitteilung gibt er die Summe der Bewertungen an:
- von den Fratres in zeitlichen Gelübden bekam ich ein "pp", sonst "p",
- von den Mitbrüdern in ewigen Gelübden gab es zwei "pp", drei "i" und sonst "p".
Wer von den Fratres ein "i" gab, wurde offenbar: Albin, der bereits in den ewigen Gelübden war und somit keine Vergeltung zu befürchten hatte.
Es ist ein Schweizer, der derzeit in seiner Heimat wirkt (Quelle hier):
Nun die Übrigen dem Alter nach.
Stefan Üblackner, aus Oberösterreich:
Er wirkt derzeit in der Steiermark (Quelle hier):
Albert Fuchs, aus der Schweiz (wirkt in Kenia, Quelle hier).
Alex Rödlach, ein Österreicher aus Tirol, ein sehr sympathischer Zeitgenosse:
Was er jetzt macht, weiß ich nicht, dürfte aber wissenschaftlich tätig sein (Quelle hier und hier).
Adam Grządziel (umgeändert auf Grondziel), aus Polen (Schlesien):
Über seine derzeitige Tätigkeit ist nur wenig zu finden im Netz (Quelle hier).
Roberto Diaz Castro aus Chile (wirkt in seiner Heimat, Quelle hier):
Stefan Hübscher aus der Schweiz (er ist ausgetreten und hat wohl geheiratet):
Anton aus Kroatien (ist ausgetreten und hat geheiratet):
Zeljko aus Kroatien (ist entlassen worden, sein weiterer Weg ist mir unbekannt):
Christian Stranz aus Österreich (Burgenland) - er war ein Liebling der Präfekten Pepp Steinmetz und arbeitet auch heute mit ihm zusammen (Quelle hier):
Paulus Budi Kleden aus Indonesien - er ist der jetzige (seit 2018) Generalobere der Steyler Missionare:
Ich darf anmerken, was auch seiner Bewertung zu entnehmen ist: Wir haben uns gut verstanden und gemocht.
Tomek, der Mitbruder, mit dem ich aus Polen nach Österreich kam (er ist ausgetreten, ist zurück nach Polen, hat dort Psychologie studiert und arbeitet als Psychologe):
Wie man an diesen Dokumenten sieht, war ich noch der Gewinner, denn im Ergebnis wurde ich 1989 zu den Gelübden zugelassen. Offensichtlich wollte man angesichts der guten Bewertungen seitens der Gemeinschaft mir doch noch eine Chance geben. Die Lage spitzte sich jedoch im Herbst zu. Der Präfekt verlangte unmissverständlich und unter Gehorsam, dass ich die liturgischen Missbräuche mitmache:
Zugleich gab es seitens einiger Mitbrüder Vermittlungsversuche. Unter anderem wollte der Provinzökonom P. Magiera (aus Schlesien) mich überzeugen, dass er mich gut verstehen würde, es aber klüger wäre, wenn ich dem Präfekten folgen würde. In diesem Sinne sprach mit mir auch der polnische Provinzial und spätere Vizegeneral P. K. Keller, der in St. Gabriel auf Besuch war. So wurde mir klar, dass ich einerseits keinen Rückhalt habe, und andererseits dass der Präfekt eindeutig seine Kompetenzen überschreitet und seine Position missbraucht. Deshalb wandte ich mich schriftlich an den Generaloberen in Rom. Da ich den begründeten Verdacht hatte, dass die Briefe, die man normalerweise unfrankiert einem Bruder zum Versand überließ, kontrolliert werden und gegebenenfalls verschwinden, brachte ich meinen Brief selbst zur Post. Nach ca. zwei Wochen merkte ich am rot angelaufenen Gesicht des Präfekten, dass mein Brief den Generaloberen erreicht hatte und dieser seine Antwort gab. Diese war mehr als enttäuschend, aber für den Präfekten wiederum ein harter Schlag, weil die Angelegenheit das Generalat in Rom und somit ein höheres Niveau erreichte. Zugleich sah er sich zu Recht ausgetrickst, denn er hätte es niemals zugelassen, dass der Brief über den üblichen Weg, d. h. über die Poststelle im Haus, in die Welt geht. Dennoch wurde mir auch klar, dass ich selbst von der Generalleitung in Rom keine Hilfe und keinen Rückhalt erwarten kann, obwohl das Kirchenrecht und die Liturgie eindeutig auf meiner Seite sind:
Nach mehreren Gesprächen mit meinem Seelenführer und nach Überlegungen kam ich zu dem Entschluss, die Gesellschaft zu verlassen, um in Ruhe und in einigermaßen geordneten Zuständen das Studium im Hinblick auf das Priestertum fortzusetzen:
Es wurde mir die Dispens von den zeitlichen Gelübden erteilt, wie mir von dem Provinzialoberen mitgeteilt wurde:
Der polnische Provinzial und spätere Vizegeneral äußerte sein Bedauern:
Ein Mitbruder, den ich einige Monate zuvor kennen lernte und mir seine Sympathie erwies, schrieb mir dann einen Brief, der ziemlich ehrlich und zutreffend von grundlegenden theologischen Differenzen spricht (Unterstreichungen sind von mir):
Das ist der Verfasser, zu dem ich seitdem keinen Kontakt hatte, obwohl wir beide ziemlich lange zeitgleich in München lebten (Quelle hier):
Wie soll ich diese Daten zusammenfassen? Ist eine Zusammenfassung notwendig? Ich überlasse es lieber den Lesern. Die Zusammenhänge werden in den weiteren Teilen dieser apologia pro vita sua klarer.
Hier erlaube ich mir nur eine Bemerkung: Der Präfekt, auf dessen Wirken mein de facto Rausschmiß zurück geht, bekam keine Konsequenzen zu spüren. Ungefähr ein Jahr später ist er sogar Pfarrer in Wien geworden (in der Pfarrei der Steyler in 10. Wiener Bezirk). Somit konnte er weiterhin Intrigen gegen mich betreiben, denn ich war seit Februar 1990 im Priesterseminar in Wien.
Als ich dann erfuhr, dass mein Jahrgangsmitbruder - der Liebling der Präfekten - vom Apostolischen Nuntius in Österreich zum Priester geweiht werden soll, schrieb ich diesen Brief:
Daraufhin bekam ich einen Anruf aus der Apostolischen Nuntiatur in Wien mit der Einladung zu einem Gespräch. Überrascht und etwas verunsichert nahm ich die Einladung selbstverständlich an. Das Gespräch mit dem Apostolischen Nuntius Erzbischof Donato Squicciarini war freundlich, obwohl natürlich diplomatisch. Er hatte jedoch eine klare Botschaft für mich: Ich sollte künftig keine solchen Briefe schreiben, sondern meine Anliegen persönlich vortragen. Somit wurde mir klar, dass auch bei der Apostolischen Nuntiatur solche Zeugnisse der Geschichte nicht gerne gesehen werden. Es war eine weitere bittere Enttäuschung und ein Grund zum Nachdenken, wobei mir die Tragweite dieser Erfahrungen noch nicht bewusst war.








































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